Chennai [Madras]

Am Bahnhof Egmore in Chennai Zum zweiten mal geht es mit Christian auf Reisen, dieses Jahr in den Süden des indischen Subkontinents. Unser Zielflughafeb ist Chennai, früher als Madras bekannt, die Haupstadt des Bundestaates Tamil Nadu. In der Millionenstadt am Meer landen wir um halb eins in der Nacht. Witziger Weise werden vor der Landung alle Passagiere mit Desinfektionsmitteln besprüht, klar, wenn man aus einer halbwegs gepflegten in eine chaotische und verdreckte Großstadt fliegt.
Die Einreiseformalitäten sind schnell erledigt, am Gepäckband gibt es dann Probleme. Christian wird ausgerufen, sein Gepäck befindet sich leider noch in Paris. Von meinem Rucksack fehlt erst auch jede Spur, dann taucht er interessanter Weise doch noch auf, an fehlender Zeit zum Umladen kann es also nicht gelegen haben. Also mal wieder zum Lost-baggage-Schalter und dann endlich raus aus dem Flughafen. Wegen der späten Ankunft hatten wir per Internet ein Hotel vorgebucht uns Abholung vom Flughafen bestellt, der Fahrer wartet schon.
Stilecht fahren wir im alten Ambassador aus indischer Produktion ins Stadtzentrum. Unterwegs Straßen im Halbdunkel, wenig Verkehr. Auffällig sind die vielen Menschen, die hier überall auf den Bürgersteigen schlafen, für mich ein ungewohnter Anblick. Viele Menschen und viel Armut treten in Indien nochmal wesentlich krasser zu Tage als in anderen Entwicklungsländern der Region, die ich vorher schon bereist habe.

Unser Hotel liegt im Stadtteil Egmore, zentral in der Nähe des größten Bahnhofs der Stadt. Mitten in der Nacht beziehen wir endlich unser Zimmer, eine recht kleine Kammer mit dröhnender Klimaanlage, ihren Preis von rund 20$ nicht wirklich wert. Wenigstens schafft es das Personal, noch von irgendwo ein halbwegs kaltes Bier aufzutreiben. Das wird geleert und dann versuchen wir, noch eine Mütze Schlaf zu bekommen.

Am nächsten Morgen geht es erstmal zum Bahnhof, die Weiterfahrt in zwei Tagen muss organisiert werden. Nun ist es in Indien nicht so, dass man einfach zum Schalter geht, eine Fahrkarte kauft und in den Zug steigt, das wäre zu einfach. Statt dessen hat man sich die Bürokratie der ehemaligen Kolonialmacht England nicht nur angeeignet, sondern diese teilweise noch weiter "verfeinert". Wir suchen also das Reservation Office auf, das sich in einer schmucklosen Halle im ersten Stock des Kolonialbaus befindet. Dort ist es natürlich vor allem voll, hunderte Reisewillige sind versammelt. Die Züge in Indien sind fast immer ausgebucht, etwa 10 Millionen Menschen befördert Indian Railways täglich! Ohne Reservierung mindestens einen Tag vorher geht daher sowieso nichts.
An den Wänden sind auf großen, handgeschriebenen Plakaten alle Züge aufgelistet, die überhaupt so durch die Gegend fahren. Dazu kommen etliche Poster mit Instruktionen für die Reisenden, auch in englisch verfasst. Die Tarife sind genauso vielfältig wie die Zugklassen, zwischen der dritten Klasse Holz und der ersten Klasse Luxus gibt es ein halbes duzend weitere Abstufungen in den Fernzügen.
Nachdem wir den Zug unserer Wünsche herausgesucht haben, muss ein Formular ausgefüllt werden, das auch der kleine Bruder eines Visumsantrags sein könnte. Neben Zugnummer, Reisedatum, Klasse, Zugname, eignem Namen müssen auch die Nummern von Pass und Visum eingetragen werden sowie der Vorname des Vaters (!). Dann ist noch zu vermerken, ob man Arzt ist, um im Falle eines Zugunglücks eventuell herangezogen werden zu können. Mit dem ausgefüllten Formular sitze ich dann eine Stunde Schlange, wie bei der "Reise nach Jerusalem" wird immer einen Hocker weiter gerutscht, bis ich dann endlich an einem der Schalter ankomme. Unser Zug wird im Computer gescheckt − und ist ausgebucht, sorry. Wir sahen schon das drohende Unheil, neuer Zug, neues Formular, wieder Schlange stehen... das kann doch wohl nicht wahr sein. Natürlich findet sich eine Lösung, wie eigentlich immer in Indien. Es gibt eine Art last-minute-Kontingent, eben für die Leute die kurzfristig reservieren, was natürlich vor allem für Touristen gilt. Klar dass diese Karten dann erheblich teuerer sind. Egal, wir beißen in den sauren Apfel mangels Alternative.


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Alltag in Chennai Jetzt wollen wir aber erstmal etwas von Chennai sehen. Die Stadt ist relativ unspektakulär und hat keine besonderen Sehenswürdigkeiten zu bieten. Wir bleiben daher erstmal im Viertel Egmore, welches ganz lebendig ist. Ok, viele Menschen gibt es eh überall im Land, irgendwo muss eine gute Milliarde ja wohnen. Per Zufall landen wir in einem Viertel mit engen Gassen und eher einfacher Bevölkerung. Dort ist es ausgesprochen quirlig und farbenfroh, die Menschen sind freundlich und recht aufgeschlossen. Wir streifen daher lange ziellos durch die Gassen und sehen uns um. Vor allem die Kinder drängen darum, sie zu fotografieren und ziehen mit uns durch das Viertel. Dem kommen wir gerne nach, es entstehen die ersten schönen Bilder. Das Alltagsleben spielt sich zum großen Teil auf der Straße ab und in den vielen kleinen, halb offenen Handwerksbuden, sehr interessant.
Nach einer Weile kommen wir am Fluss der Stadt aus. Dort bietet sich ein anderes Bild, das Flussufer dient im wesentlichen als Müllkippe und öffentliche Bedürfnisanstalt. Dort haben wir unsere erste kurze Begegnung mit den indischen Slums, längs des Flusses stehen unzählige Hütten und Behausungen. Ein erstmal schockierender Anblick, wir beschliessen dennoch, uns dort später noch genauer umzusehen.
Irritierend ist für mich zunächst eine Eigenart der Inder, eine Art undifferenziertes Kopfwackeln, etwa auf die Frage nach einem Foto als Antwort getätigt. Es sieht auf den ersten eher nach einem nein aus, kommt dem Kopfschütteln recht nahe. Das trifft aber fast nie zu, meist drückt die Bewegung Zustimmung aus, manchmal auch Unentschlossenheit, es kann sogar als Gruß Verwendung finden. Schnell gewöhnt man sich daran und irgendwann fangen wir schon selbst an zu wackeln.

Als nächtes geht es auf Suche nach einem Wine Shop, das sind die kleinen, vergitterten Läden die in Indien eine Lizenz zum Alkoholverkauf haben. Wir erwerben eine Flasche des durchaus trinkbaren indischen Whiskys. Geld muss auch noch gewechselt werden, was in einem Laden unweit des Hotels schnell und zu gutem Kurs über die Bühne geht.
Den Abschluß des ersten Tages macht dann ein vegetarisches Essen. Viele Restaurants in Indien sind rein vegetarisch, die meisten Hindus essen kein Fleisch. Alkohol wird ebenfalls selten ausgeschänkt und in den Restaurants gilt Rauchverbot. Die vegetarische Küche ist aber sehr abwechselungsreich und schmackhaft, die Schärfe auch durchaus erträglich. Wir wählen Dosa, dass ist eine Art gefüllter Pfannkuchen. Dazu gibt es meist einige Dipps wie Joghurt mit Zwiebeln und Chutneys. Fladenbrote in verschiedenen Varianten sind ebenfalls unverzichtbar, die verbreitetsten sind Chapati, Naan und Parota, letzteres hat etwas von krümmeligen Blätterteig.


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Im Tempel in Kanchipuram Der folgende Tag ist einem Ausflug nach Kanchipuram gewidmet, einer Pilgerstadt etwa 60 km entfernt. Dort gibt es zahlreiche gut besuchte Tempel zu bewundern, die mit ihren hohen und verziehrten Tortürmen, den Gopurams, die Stadt überragen. Im Eingang des ersten großen Heiligtums bekommen wir unseren ersten Tempelelefanten in Aktion zu sehen. Man hält dem Tier eine Münze hin, die es dem Mahut abliefert. Als Dank legt einem der Elefant dann den Rüssel auf den Kopf, was wohl als eine Segnung zu verstehen ist.
In den einzelnen Tempeln ist viel Betrieb, es sind zahlreiche Pilger unterwegs. Vor allem die Frauen in den bunten Saris sind ein herrlicher Anblick. Außerdem sind Sadhus zu sehen und allerlei Kulthandlungen zu beobachten. Vor einem der Tempel segnet ein Priester neues Auto und eine Motorrikscha, dazu wird ein Ölfeuer angezündet und Limetten über bestimmten Teilen der Fahrzeuge ausgedrückt, begleitet von Beschwörungsformeln.
Wie so oft erleben wir die Vielfalt des Hinduismus, Glaube und Aberglaube mischen sich und die verschiedenen Kulthandlungen und Rituale sind so vielfältig wie der hinduistische Götterhimmel. Selbst mit ein wenig Hintergrundlektüre ist es ein unmögliches Vorhaben, als Europäer mehr als die Oberfläche des ganzen verstehen zu wollen.

Kanchipuram ist neben der religiösen Bedeutung bekannt für seine Seidenweber. Ein Besuch in einem solchen Betreib darf daher auch nicht fehlen. Auch das ist immer wieder beeindruckend, wie auf uralten Webstühlen in filigraner Kleinarbeit über Wochen wunderschöne Muster entstehen.

Nach der Rückkehr fahren wir an den Strand, die Marina. Chennai hat einen der größten Stadtstrände der Welt zu bieten, der sich kilometerlang am Stadtrand ausdehnt. Badetourismus und Strandleben wie gewohnt gibt es hier allerdings nicht. Der Strand ist am Abend voller Menschen, hauptsächlich Einheimischer. Es gibt eine Art Jahrmarkt, mit handgetriebenen Karussels, Schießbuden, Wahrsagern und natürlich eine Menge für das leibliche Wohl. Etliche Inder trauen sich ins Wasser, in voller Montur versteht sich. Die ausgelassene Stimmung, der Trubel und die untergehende Sonne machen diesen Strandbesuch zu einem erlebnisreichen Spaziergang.
Wo heute Kinder Drachen steigen lassen und die Lebendigkeit greifbar zu Hause ist, kamen in den Fluten des Tsunami hunderte um. Nur dem sehr breiten Strand ist zu verdanken, dass die Stadt Chennai sonst wenige Schäden zu beklagen hatte, für die hier spielenden Kinder gab es aber leider keine Chance.

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Slum in Chennai Der vorerst letzte Tag in Chennai ist von einem Ereignis geprägt: Christians Gepäck tifft ein! Das ist ja nochmal gut gegangen, denn am Abend steht die Weiterreise an.
Wir entdecken dann noch das muslimische Viertel, wo sich die große Moschee aber als doch nicht so beeindruckendes Bauwerk entpuppt. Das Teiben auf den Straßen entschädigt dafür locker und einen guten Barbier finden wir ebenfalls.
Ein weiteres Mal begeben wir uns dann in die Slums am Fluss. Dort kommen wir mit etlichen Bewohnern ins Gespräch, die Leute sind überwiegend sehr freundlich und aufgeschlossen. Eine ganze Gruppe Kinder weicht uns nicht mehr von der Seite und hat sichtlich Spass mit den komischen Ausländern. Erstaunt bin ich immer wieder, wie gepflegt die Leute hier sind. Vor allem die Frauen in bunten Saris und geschmückt lassen kaum auf Slumbewohner schließen. Trotz der erkennbaren Armt wird auf die äußere Erscheinung sehr viel Wert gelegt und selbst die einfachste Hütte wirdkt innen sauber und gepflegt. Manch abgerissenem Touristen sollte das zu denken geben.
Im krassen Gegensatz dazu steht der Eindruck des Viertels als solches. Aber Müllberge sind in der Stadt ohnehin allgegenwärtig, es mangelt an organisierter Entsorgung. Höchst gewöhnungsbedürftig ist, dass Flussufer, aber auch Rinnsteine und Mauern jeglicher Art überall in der Stadt als öffentliche Toilette genutzt werden. Der dezente Duft von Bahnhofsklo verfolgt einen leider so manches Mal.
Indien, ein Land extremer Kontraste, das überfordert einerseits, macht aber auch den Reiz aus und ist das, was wir erwartet und gesucht hatten. Alles lässt sich nicht durch die "europäische Brille" bewerten, geschweige denn verstehen. Aber die Facetten sollten sich zumindest teilweise in unseren Bildern und Erzählungen, so auch hier, wiederfinden.

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Erwähnung finden muss unbedingt noch die "70mm Bar", wo wir einige unserer Abende verbracht haben. In einem Hotel untergebracht ist sie so, wie sich Inder wohl eine gemütliche Bar vorstellen: schummriges Licht, plüschige Sitzmöbel, eiskalte AC und ein Beamer, der laute indische Musikvideos an die Wand wirft. Indische Musikvideos sind wie Bollywood. Möglichst viele Tänzer müssen vorkommen, der Kampf zwischen Gut und Böse wird gerne bemüht und die Aufmachung muss pompös sein. Das beliebteste Thema sind freilich Liebesgeschichten, wobei Mann und Frau, die sich schmachtend auf einer blühenden Wiese entgegenlaufen, als häufigstes Motiv auszumachen sind, herrlich. Gedreht werden diese Clips mit Vorliebe an exotischen Orten, wobei schweizer Bergpanoramen deutlich die Hitliste anführen.
Darüber hinaus bietet die Bar eine weitere nette Eigenschaft. Zum Bier werden unglaubliche Mengen an Snacks kostenlos gereicht und immer wieder nachgefüllt. Salate, allerlei fritiertes und Chips können hier durchaus als vollwertige Mahlzeit durchgehen.
Gestärkt von einem ausgedehnten Barbesuch begeben wir und zum Bahnhof, wo unser Nachtzug nach Madurai zur Abfahrt bereit steht.

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