Madurai

Madurai, Altstadt und Meenakshi-Tempel Rund zehn Stunden ist der Nachtzug ins etwa 400 Kilometer entfernte Madurai gerumpelt. In unserem Liegewagen (2. Klasse, zwei Liegen übereinander) konnten wir zwar ein wenig schlafen, kommen aber dennoch etwas gerädert in aller Hergottsfrühe kurz nach Sonnenaufgang an. Nach längeren Diskussionen besteigen wir eine Rikscha zu einem akzeptablen Preis und lassen uns zu einem Hotel fahren, wo wir telefonisch vorbestellt hatten. Dort ist man nicht sonderlich befleissigt, uns ein Zimmer zuzuweisen und auch sonst wirkt das Haus recht trostlos, was nicht alleine an den unzähligen Moskitos in der Lobby und dem lauwarmen Kaffee liegt. Ein Inder, offenbar Gast des Hotels, rät uns im Vorbeigehen auch zu einem anderen Quartier.
Also sehen wir uns in der Nachbarschaft um und finden eine deutlich bessere Herberge zu einem unwesentlich höeren Preis. Eine Dachterasse, die den Ausschlag für das zuerst anvisierte Hotel ausmachte, gibt es dort auch.

Eine solche Terasse ist nicht unwichtig. Zum einen lässt sich dort abends angenehm sitzen, essen, trinken, zum anderen bietet sie den wichtigen Blick über die Altstadt von Madurai und die riesige Tempelanlage mittendrin.
Dieser Sri Meenakshi Tempel ist auch gleich unser erstes Ziel. Wir durchqueren die engen Gassen der Altstadt und nähern uns dem beeindruckenden, alle Gebäude überragenden Bauwerk mit seinen mehr als 50 Meter hohen Türmen. Madurai ist eine der heiligen Städte Indiens und Pilgerziel erster Güte. Vor allem der Meenakshi Tempel zieht täglich bis zu 20.000 Pilger an.

Türme des Meenakshi-Tempels Entsprechend herrscht in den engen Durchgängen zum Tempelinneren ein mächtiges Gedränge. Es geht so gerade am Tempelelefanten vorbei, der auch hier Spendewillige gegen Bares segnet. Wir sind umgeben von Pilgern, die teilweise sehr verwegen aussehen: bärtige, schwarz gekleidete Gesellen, die ein wenig wie die 40 Räuber von Ali Baba wirken, aber Mitglieder einer Sekte aus Kerala sind und noch dazu sehr freundlich.
Der Tempel verzweigt sich in ein unübersichtliches Gewirr kleiner Räme, Hallen, Einzeltempel, alle mit Gängen untereinander verbunden und um einen großen Innenhof mit Sälengängen und dem rituellen Wasserbecken gruppiert. Es ist nicht andächtig still, sondern im Gegenteil sehr lebhaft. Reden und Lachen stört hier genauso wenig wie geherzts Drängeln, um vorwärts zu kommen. Sakral wirkt das alles aber dennoch, durch die düsteren Hallen mit ihren Götterstutuen in Nischen, die flackernden Öllichter, betenden Menschen und Priester. Das alles muss man eine Weile einfach auf sich wirken lassen, beobachten. Es ist ein anderer Kosmos, genau wie der hinduistische Götterhimmel, der mit Hilfe tausender bunter Figuren auf den Etagen der bunten Türme dargestellt wird.

Die Umgebung des Tempels ist geprägt von typischen Altstadtstraßen, auf denen enorme Geschäftigkeit stattfindet. Rikschas drängeln durch die Straßenmärkte, ruhige Ecken gibt es kaum und es wird trotz des eher dörflichen Charakters bewusst, dass man sich auch hier in einer Millionenstadt befindet. Kühe laufen wie überall selbst in den Städten frei auf den Straßen herum, ihr Mist wird zur Kochbefeuerung an Mauern getrocknet.
An jeder Ecke ist eine typische Institution Indiens gegenwärtig: der Chai-Wallah [Teeverkäufer]. Meist in einfachen Bretterbuden oder Karren wird der Tee mit viel Milch, Zucker und Gewürzen wie Ingwer, Kardamon oder Zimt zubereitet. Dazu gibt es meist selbst gebackene Kekse aus Gläsern zu erwerben und wir gönnen uns meist mehrfach täglich diesen preiswerten Genuss.
Eine weitere häufig auf Märkten anzutreffende Spezialität Indiens begegnet uns natürlich auch in den Gassen Madurais, Verkaufsstände mit Farbpulvern. Diese sehr intensiven, leuchtenden Farben aus Naturstoffen werden zu kunstvollen Kegeln aufgetürmt feilgeboten und dienen zum Beispiel religiösen Zwecken oder den vor allem bei Frauen allgegenwärtigen bunten Punkten auf der Stirn [fälschlicher Weise oft als "Kastenzeichen" bezeichnet]. Einer der Händer macht sich einen Spass daraus, mir ebenfalls einen Farbtupfer auf der Stirn zu verpassen. Den hatte ich tagelang, da sich die Farbe kaum abwaschen lässt, wäre es bloß nicht ausgerechnet rosa gewesen...


Trenner, Globus und Linie horizontal

Ein wichtiger Grund, der uns außer den sehenswerten Tempeln nach Madurai geführt hat, ist das Pongal-Fest. Dabei handelt es sich um eine Art tamilisches Erntedankfest, das sich über vier Tage erstreckt. Pongal, das dem Fest den Namen gab, ist ein süßer, mit allerlei Gewürzen vermischter Reis, den wir natürlich auch probieren. Im wesentlichen ist es sonst ein familiäres Fest, von dem wir nicht arg viel mitbekommen. Auffällig sind die bunten Mandalas, synmetrische, verschnörkelte Kreidezeichnungen, die auf den Boden vor den Hauseingängen gestreut werden. Zum Fest sind sie besonders aufwendig und farbig, in eher einfacheren Variationen sind sie auch sonst oft zu sehen.
Das klingt bisher wenig spektakulär, einer der Höhepunkte der Reise findet allerdings am dritten Tag des Pongal statt: das Jallikattu. Hierbei handelt es sich um eine Art Rodeo, den traditionellen tamilischen Stierkampf, der seit Jahrhunderten zum Pongal-Fest auf den Dörfern abgehalten wird. Das ganze ist am ehesten vergleichbar mit dem Stiertreiben im spanischen Pamplona. Auch beim Jallikattu rennen Stiere durch eine Gasse und Ziel der "Stierkämpfer" ist es, sich um den Buckel der Stiere geklammert eine Strecke lang mitschleifen zu lassen, ohne abgeschüttelt zu werden.
Da es in den letzten Jahren immer wieder Tote bei diesen Veranstaltungen gab, sollten sie verboten werden, Tierschützer sind ebenfalls nicht gerade begeistert, auch wenn den Stieren nichts passiert. Das war aber nicht durchzusetzen, da es sich um sehr populäre Wettkämpfe handelt mit langer Tradition. In diesem Jahr gab es daher strenge Auflagen, sowohl die Akteure als auch die Stiere wurden vor Beginn auf Alkohol und Drogen getestet. Außerdem laufen die Stiere mitlerweile nicht mehr mitten durch die Zuschauermenge, die eine Gasse bildet, sondern eine Arena, die mit Bambuszäunen abgetrennt wird.

Auf dem Weg nach Palamedu Wir fahren früh morgens ins 30 Kilometer entfernte Dorf Palamedu, wo eines der bekanntesten und grösten Jallikattus stattfindet. Schon auf dem Weg dorthin begegnen wir etlichen Pickups, mit denen Bauern aus der Umgebung ihre Stiere zu der Veranstaltung bringen und vielen Zuschauern, die aus der ganzen Region anreisen. Der kleine Marktflecken Palamedu ist schon entsprechend bevölkert, aus allen Ecken strömen die Menschen herbei.
Für das Jallikattu wurde eine Arena errichtet, etwa hundert Meter breit und sicher einen guten Kilometer lang, abgezänt mit etwas wackeligen Bambusverschlägen. Die Kopfseite der Arena, wo sich das Geschehen hauptsächlich abspielen wird, ist umgeben von Tribünen, mehrgeschossigen und auch nicht gerade stabil wirkenden Bambuskonstruktionen.
Wir gehen erst außen herum hinter die Hauptribüne und den Eingang zur Arena. Dort befindet sich ein eingezänter Gang, durch den die Stiere hereinkommen. Es drängen sich schon viele Farmer mit duzenden großer Stiere, die für ihren Auftritt vorbereitet werden. Dazu werden die Tiere mit Farbpulver, Blumengirlanden und goldenen Glöckchen herausgeputzt.

Jallikattu in Palamedu Rechtzeitig gelingt es und, einen Platz auf einer der Tribünen zu ergattern. Mehrere zehntausend Zuschauer versammeln sich, besetzen die umliegenden Hausdächer, klettern auf Bäume und jede aussichtversprechende Erhöhung. Auf der Tribüne ist Ellenbogeneinsatz angesagt, sonst wird man gnadenlos in die hinterste Reihe abgedrängt. Wir verfolgen von oben, aber leider doch relativ weit entfernt, den Beginn des Spektakels. Die zugelassenen Stierkämpfer, erkennbar an besonderer Kleidung, kommen begleitet von Musik in die Arena. Dann rasen die ersten Stiere nacheinander herein, die jungen Leute versuchen sich daran festzuklammern. Das sieht nicht nur gefährlich aus, es ist es auch, am Ende des Tages wird es etwa 60 Verletzte geben. Diese werden aber im komenden Jahr sicher genau wie dieses Mal stolz ihre Narben präsentieren, die als Auszeichnung gelten.

Das Jallikattu dauert den ganzen Tag, etwa 600 Stiere nehmen teil. Begleitet wird das von der blechernen Lautsprecherstimme eines Kommentators und der jubelnden Zuschauermasse, eine unbeschreibliche und atemberaubende Atmosphäre. Atemberaubend ist allerdings auch die Hitze gegen Mittag. Als auch noch die Wasservorräte verbraucht sind, gebe ich meinen Tribünenplatz auf und gönne mir eine Pause an der nächsten Teebude. Bei der Gelegenheit werde ich vom lokalen Fernsehsender interviewt, Touristen sind bei diesem Fest eine exotische Erscheinung. Lachend beantworte ich die typischen Fragen, "Do you like India?" Einen kleinen Sprachkurs in Hindi veranstalten sie zur Belustigung aller auch noch mit mir. Dannach bin ich irgendwie eine Art Showstar und muss viele Hände schütteln und auf Fotos posieren, nur nach Autogrammen fragt keiner. So ein Medienrummel jeden Tag, dass wäre nichts für mich.

Für den Rest des Wettkampfes gelingt es schließlich, einen Platz direkt auf dem vordersten Zaun zu bekommen, wo auch die Pressefotografen hocken. Die Polizei, die zahlreich anwesend ist und teils recht rüde gegen vordrängelnde Zuschauer vorgeht, lässt uns durch die Absperrung. Auf dem Zaun ist es zwar äußerst unbequem, aber die Sicht ist natürlich hervorragend, man ist fast mitten im Geschehen. Das hat allerdings auch zur Folge, dass wir völlig von den aufgewirbelten Staubwolken eingehüllt werden und inklusive Kamera reichlich verdreckt aus der Sache herauskommen. Das Material hat es zum Glück anstandslos verkraftet, nur ein Objektivwechsel wäre schlecht machbar gewesen.
Völlig geschafft, mit Sonnenbrand und diversen Schrammen klettern wir am Ende des Festes vom Zaun. Nach der Rückfahrt sind in Madurai dringend eine Dusche und einige kühle Bier auf der Dachterasse fällig, womit wir einen Tag voller nie gesehner Erlebnisse ausklingen lassen.
Für die Weiterfahrt wir noch die Organisation eines Wagens mit Fahrer perfekt gemacht, dann endet mit einem letzten Blick auf den beleuchteten Meenakshi-Tempel unser Aufenthalt in Madurai.

weiter nach Kochi

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